Interview mit Fabienne Dirksen, Nachhaltigkeitsverantwortliche Rad und Para-Cycling Strassen-WM Zürich 2024 vom 23.August 2024
Seit wann seid ihr am Vorbereiten?
Der Verein organisiert seit 2019, ich bin im Frühjahr 2023 dazugestossen. Es gibt ein ganzes Team, dass zuständig ist für Begleitmassnahmen und Legacyprojekte, dort bin ich verantwortlich für den Schwerpunkt Nachhaltigkeit.
Für dieses Megaevent habt ihr nun schon viel Erfahrung gesammelt und euch Gedanken und Konzepte zur Nachhaltigkeit gemacht. Was waren für dich die Knacknüsse?
Schwierig sind Ressourcen und Zeit, die vom ganzen Team gefordert werden. Nachhaltigkeit fliesst in jeden Bereich von Marketing über Rahmenveranstaltungen bis Hospitality ein. Dort zur Priorität zu werden, ist und war eine Challenge.
Ich bin dazu übergegangen, meinen Bereich mit anderen sinnvoll zu verknüpfen. Zum Beispiel kann bei der Sponsorensuche durch eine Nachhaltigkeitsmassnahme ein Mehrwert für den Sponsor und für das Event entstehen. Um die Anreise mit den Velos sicherer zu gestalten, haben wir Abus als Partner für die Veloparkplätze gefunden. Für die Verpflegung und das Ziel, 75% vegetarisches Catering anzubieten, haben wir Tibits als Partner gefunden. Oder für die Besucherplätze für Menschen mit Beeinträchtigung haben wir Axpo & PluSport gewinnen können. Es ist wichtig, kreativ zu bleiben und Ideen zu generieren, die für die anderen auch Sinn machen und spannend sind, anstatt mit Richtlinien zu argumentieren.
Bestimmte Dinge sind auch gar nicht möglich. Eine elektrische Autoflotte könnte in diesem benötigten Umfang gar nicht geladen werden. Die zentrale Frage ist: Mit welchen Partnern liegen die Vorhaben im Bereich des Möglichen? Nachhaltigkeit ist kein Wunschkonzert, es geht um Zusammenarbeit und darum, Begeisterung zu wecken.
Im Vorfeld gab die Streckenführung viel Anlass zu Diskussionen. Der Anlass stand fast auf der Kippe. Was habt ihr daraus gelernt?
Die Strecke geht durch die Innenstadt und zum ersten Mal wird die Para-Cycling-WM gleichzeitig mit der Rad WM durchgeführt. Das ist einmalig, sie fahren die gleiche Strecke, zur gleichen Zeit, am gleichen Event und überqueren die gleiche Ziellinie! Das ist eine historische Premiere im Sport und ein Meilenstein in der Inklusion.
Da es bei der Para-Cycling WM mehr Kategorien für die verschiedenen Beeinträchtigungen gibt, sind die Strecken tagsüber länger gesperrt. Dadurch entstand ein grosser Aufwand für Informations- und Sensibilisierungsveranstaltungen. Kanton, Stadt und LOK Zürich 2024 informieren seit über eineinhalb Jahren und seit April 2024 sehr ausführlich über die Verkehrsorganisation während der Rad- und Para-Cycling-WM. Mit Anwohnern, Gewerbe, Firmen, Detailhändlern, Schulen, Institutionen wie Spitäler, Spitex, Fahrdiensten usw. wurden über 650 Informationsveranstaltungen, Sitzungen oder Begehungen durchgeführt und Lösungen erarbeitet, um den Zugang und Betrieb zu gewährleisten.
Ich hoffe, dass am Event die Begeisterung spürbar und das Feuer für die Velo-WM entfacht wird.

Inwiefern haben eure Überlegungen zur Nachhaltigkeit beim Stakeholdermanagement geholfen?
Ja genau, das ist essenziell. Gleich zu Beginn haben wir die wichtigsten Akteur*innen gesammelt und sind mit ihnen in Dialog getreten: Was ist euch wichtig? Habt ihr Ideen, die ihr gerne umsetzen möchtet? Was sind die wesentlichen Themen, die eine grosse Wirkung zeigen? Und schlussendlich ist es wichtig, dass es nicht das Konzept von einer Person ist, sondern das «Baby» von allen.
Dafür haben wir eine Charta entwickelt, die ein relevantes Tool werden soll. Sie soll gelesen und verwendet werden – Informationen, die einfach und verständlich dargestellt sind, so dass die Verantwortlichen sich damit identifizieren können.
Neben unserer Vision und unseren Zielen sind in den vier Bereichen Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft und Management die zentralen Massnahmen aufgeführt und von unseren Hauptverantwortlichen unterschrieben. Gleichzeitig haben wir Leuchtturmprojekte, die grossen Impact haben, bestimmt. So entstanden 7 verschiedene Chartas für verschiedene Teams. Dass es für die verschiedenen Ansprechgruppen (z.B. Gastro) auch passend und relevant ist, haben wir dann die Massnahmen auf der Charta angepasst. Die Basis mit unseren Zielen und der Vision bleibt dabei gleich.
Radprofis sind Vorbilder. Wie bezieht ihr sie bei euren Überlegungen zur Nachhaltigkeit mit ein?
Wir haben 50% Ambassadors im Para-Cycling und 50% im Non-Para-Cycling: Marlen Reusser, Stefan Küng, Fabian Recher und Flurina Rigling. Vor allem die Para-Cycling-Vorbilder erzielen grosse Wirkung im Bereich Inklusion durch ihr Auftreten. In unserem Team ist auch der ehemalige Profi Tobias Fankhauser, der viel an Schulen geht und Kinder dafür sensibilisiert und motiviert. Durch die Zusammenarbeit im gleichen Team mit einem Betroffenen konnte auch ich viel lernen, was es bedeutet, mit einer Beeinträchtigung zu leben.
Wie bei vielen Grossevents hat die Anreise des Publikums den grössten Einfluss auf den ökologischen Fussabdruck. Was habt ihr in diesem Bereich vorgesehen, um insbesondere den Flugverkehr einzudämmen? Welche Reduktion erwartet ihr daraus auf die gesamten CO2-Emissionen eures Events?
Die Anreise mit Flugzeug von anderen Kontinenten lässt sich kaum vermeiden. Gleichzeitig ist der grösste Verursacher die Anreise. Wir versuchen also Anreisende von der Schweiz oder von umliegenden europäischen Ländern für den Zug zu motivieren oder lokal für die Anreise mit dem Velo. Dafür haben wir bewachte Veloparkplätze direkt bei der Fanzone eingerichtet. Ausserdem haben wir Velorouten definiert, die aus allen Himmelsrichtungen ins Zentrum von Zürich führen. Auf unserer Homepage gibt es auch Links zu den Zügen für Besuchende.
Wir versuchen Flugreisen eher zu vermeiden, als zu kompensieren. Ich denke ein Teil der Teams wird sicher kompensieren und bilanzieren, aber da haben wir keine Kontrolle darüber.
Legacy, das Vermächtnis, spielt je länger je mehr eine Rolle bei den Nachhaltigkeitsbestrebungen von Grossevents. Wie stellt ihr sicher, dass eure Projekte in 10-20 Jahren noch da sind?
Wir haben diverse Legacy -Projekte initiiert, die auf unserer Website zu finden sind: www.zurich2024.com/legacy/
Zum Beispiel entstand:
- verschiedene Zurich Rides für erstklassige und gut kuratierte Routen in der Grossregion Zürich, für jede Art von Velo, in Zusammenarbeit mit Zürich Tourismus
- eine Eventreihe, die Menschen für das Velo begeistern soll «ZÄME UFS VELO»
- das Veloforum Schweiz, eine nationale Plattform fürs Velo im B2B-Bereich, vereint die Themenbereiche Freizeit, Mobilität, Sport, Technologie und Transformation.
- und Cycle-On Zürich, sie setzen sich für Nachwuchsförderung im Sport ein.
Es wurde jeweils darauf geachtet, dass die Projekte von einer Organisation getragen werden, die auch nach der WM dafür besorgt ist, das Projekt fortzuführen.
Wir hoffen auch, dass Werkzeuge wie die Charta oder neue Massnahmen wie die Idee der Hosted-Areas weitergeführt werden. Zum Beispiel könnten die Sitzwürfel (für Begleitpersonen in Höhe von Rollstühlen) auch für andere Events verwendet werden.
Zum Schluss: Dein persönlicher Tipp an die Nachhaltigkeitskolleg*innen?
Es ist wichtig, dass es eine eigene Stelle für Nachhaltigkeit gibt und eine Person, die sich nur um dieses Thema separat kümmert. Frühzeitige Planung, Ressourcen (Zeit und Geld) einplanen, Stakeholder und das Team miteinbeziehen und deren Erwartungen abholen, das sind wichtige Faktoren.
Mir persönlich hat die Zusammenarbeit mit einem Menschen mit Beeinträchtigung sehr geholfen.
Was ich auch noch wichtig finde: Seid mutig und kreativ, riskiert auch einmal etwas! Wir dürfen nicht nur auf dem Minimum fahren, damit wir das Thema vorwärtsbringen!